06.07.2026: Verpasste Gelegenheiten im Wallis
Die Nacht und das Frühstück im Hotel Elite in Visp sind erstklassig.
Die heutige Route dient wieder der aktiven Erholung, wenn da nur nicht dieser nervige Wind wäre, gegen den ich antreten muss.
Eine Umleitung auf dem Radweg befördert mich gefühlt fast 900 Jahre zurück. Ich finde mich plötzlich in dem urigen Dorf Nidergesteln wieder, bewundere sonderbare Skulpturen und stoße auf eine tiefe, steile Schlucht. Ein Wegweiser mit der Aufschrift „Hängebrücke und Jolischlucht“ weckt sofort meine Neugier. Ich stelle das Rad ab und wandere los, muss mir aber nach etlichen Höhenmetern eingestehen, dass ich die Brücke nicht so schnell wie erhofft erreiche. Also evaluiere ich die Lage und kehre um – schade.
Ganz in der Nähe ist übrigens Rainer Maria Rilke beerdigt, was ich ärgerlicherweise erst zu spät erfahre. Sonst hätte ich ihm glatt meine Ehre erwiesen, obwohl ich noch nichts von ihm gelesen habe.
Weiter geht es nach Leuk, wo mir ungewöhnlich viele riesige Satellitenschüsseln auffallen. Früher wurden die wohl vom Geheimdienst verwendet, heute dienen einige als Empfänger für Musks Star-Link. Bei so viel Geschichte auf ein paar Kilometern wirkt der Rest der Strecke entlang der Rhone fast schon langweilig. Einzig ein kleiner See lädt mich noch zum Verweilen ein. Aber faul rum sitzen und den Menschen beim Planschen im See zuzuschauen bringt mir dann doch nicht so viel. Also fahre ich weiter und schau mir das Wallis von meinem Velo (schweizerisch für Fahrrad) aus an.
In einer Bar stoße ich an die Grenzen meiner Sprache (und somit an die Grenzen meiner Welt?) als ich sofort mit Französisch konfrontiert werde. Die Bedienung spricht weder Englisch noch Deutsch und fragt mich irgendetwas. Ich erkenne, dass ich mich wohl zwischen zwei Optionen für mein Baguette entscheiden kann, und wiederhole einfach auf gut Glück das erste Wort. Das Baguette kommt dann aufgewärmt – richtig entschieden.
Meine Unterkunft “La Carnotzet” für heute Abend würde manch Konservativer als “linksversifft” bezeichnen: Kein Fernseher, dafür steht “Le Capital” von Karl Marx in zweifacher Ausführung parat. Habe ich übrigens auch noch nicht gelesen. Ich bin wohl nicht sehr gebildet.
Übrigens bin ich in einer Ferienwohnung der ganz besonderen Art, von der politischen Gesinnung des Vermieters mal abgesehen. Ich habe ein großes Bett und vom Bad aus führt eine Tür in einen verbotenen Raum (wurde auf dem Video zum Empfang ausdrücklich erwähnt). Ich hab ja meine Neugier schon mal erwähnt. Ich habe mich dran gehalten – Ehrenwort. Außerdem kann ich mein Abendessen und einen Espresso auf einer kleinen Veranda im Grünen genießen und dabei auf die Berge meiner nächsten Etappe schauen. Der Mont Blanc ist nicht mehr weit.
Zum ersten Mal auf meinem Trip empfängt mich aber auch niemand, ich esse allein und sehe auch sonst sehr wenig Leute. Ich merke, dass ich auf dem Rad sehr gut alleine zu Recht komme. Aber jetzt fühle ich mich einsam. Hier ist der Ort, wo der West Alpencross nach Nizza startet.
Morgen hänge ich noch einen Ruhetag dran und muss schauen, wie es weitergeht. Dass ich bis hierhin gekommen bin, damit habe ich nicht unbedingt gerechnet. Zeit für eine Zwischenbilanz: 1100 Kilometer und 24.000 Höhenmeter.