08.07.2026: Auf dem Balkon des Mont Blanc
Ich begebe mich auf die Route nach Nizza!
Heute brauche ich selbst von dem, was ich in meinen Coachings gerne vermittle: Mut, Optimismus, Neugier, Offenheit für Neues und Experimentierfreude. Am Morgen weiß ich nämlich noch überhaupt nicht, was mein heutiges Ziel sein wird. Mache ich Courmayeur auf die harte Tour oder fahre ich wieder zurück nach Martigny.
Meine Beine haben eigentlich recht gut regeneriert, aber heute stehen 2400 Höhenmeter am Stück an. Da traue ich den Stimmen aus meinen Beinen nicht ganz, zumal sie jetzt schon etliche Tage beansprucht werden.
Ich folge meinem Track, der sich bald als anspruchsvolle Kletterei entpuppt. Es fängt gut an mit einem schmalen Trail, der aber immer schmaler wird, während sich rechts ein steiler Abhang auftut. Was ist riskanter? Hier zu fahren und ab und zu zu schieben oder die Passstraße zum Großen St. Bernhard mit den dicken Brummern zu teilen. Genau! Ich bleibe auf meiner Route. Ich hasse LKWs, die wenig Rücksicht auf Radfahrer nehmen.
Ich finde mich mit dem Rad in der rechten Hand wieder, die linke klammert sich an Ketten, während ich in meinen Race-Schuhen über Felsvorsprünge klettere. Ich könnte jederzeit umkehren, aber meine Neugier, wie der Weg wohl weitergeht, und mein Optimismus treiben mich an. Zur Not, so mein Plan, baue ich das Rad auseinander und trage es in Stücken über die heiklen Passagen. Ich muss viel experimentieren, wobei mir das Bike richtig eingesetzt oftmals als Kletterhilfe dient. Nach einer Stunde Thrill stehe ich dann endlich unten auf der Passstraße … natürlich bei den dicken Brummern.
Nach La Fouly führt ein kleines, aber ruhiges Sträßchen. Am Ende des Tals in Ferret habe ich ca. 1500 Höhenmeter absolviert und stelle fest: Mein Swisscom-Vertrag ist ausgelaufen. Kein Internet mehr, was in mir leicht so etwas wie Panik aufsteigen lässt. Ich habe noch keine Unterkunft, weil ich nicht wusste, ob ich mir den Übergang nach Italien zutraue, und jetzt wird es richtig ernst. Ich erinnere mich selbst an die alten Zeiten ohne permanente Erreichbarkeit und Online-Möglichkeiten. Das beruhigt mich wieder. Erschreckend wie abhängig man sich von dieser Technologie macht und wie hilflos man wirkt, wenn man auf seine Instinkte und Erfahrungen angewiesen ist. So wie regelmäßiges Fasten dem Körper gut tut, sollte man auch regelmäßig Digital Detoxing machen. Ich nehme mir das vor!
Meine Neugier treibt mich an den Trailhead. Mit einer Banane, Datteln und zwei vollen Flaschen gehe ich die proklamierten 3 Stunden und 40 Minuten (Gehzeit) zum Rifugio Elena an. Das versuche ich, könnte ja gut werden, und am Mont Blanc wollte ich schon immer mal biken. Und wenn ich keine Unterkunft finde, werde ich schon nicht sterben. Bergauf kann ich den Trail sogar einige Passagen fahren. Als ich den Pass am Col Ferret erreiche, staune ich erst mal massiv über den Giganten aus Fels und Eis, der sich mir präsentiert. Ist das der Mont Blanc?
Hier oben fühlt man sich wie auf einem Freiluft-Balkon mit grandiosem Panorama. Ich mache Pause und mein Handy fängt plötzlich an, mit TIM zu sprechen, oder umgekehrt – ich bin wieder online. Gestern waren in meinem Zielort noch alle Unterkünfte ausgebucht. Doch jetzt, hier auf 2500 Metern Höhe im Schatten des Mont Blanc Massivs, wird mir wieder eine angeboten. Nicht günstig, aber akzeptabel, also buche ich sofort.
Der Trail hinab ist technisch knackig (S2), ich fahre höchstens zwei Drittel, aber die Kulisse ist der absolute Hammer. Das Tal nach Courmayeur ist viel zu schön, um mit Highspeed durchzubrettern. Trotzdem drücke ich etwas auf die Tube, weil es schon reichlich spät ist.
Vom Balkon meiner Unterkunft habe ich nun den wahren Mont Blanc zum Greifen nah vor mir.
Ich bin heute jedoch zu dem Entschluss gekommen, nicht nach Nizza zu fahren, was einen kompletten Westalpencross bedeuten würde. Ich habe dafür 12 Tage mit hochalpinem Charakter geplant. Wenn ich allerdings in mich hineinhöre, sagt mir mein Körper, dass ich das besser isoliert machen sollte. Das Gepäck auf dem Rücken und die nervige Quartiersuche waren bisher eine echte Herausforderung. Bei den verbleibenden Trails ist das Hardtail keine gute Wahl und würde fahrtechnisch wenig Spaß machen.
Also muss eine neue Vision her: Warum nicht den Mont Blanc umrunden und dann schauen wie es weiter geht? Die Umrundung ist bestimmt eine lohnenswerte Tour. Dafür werde ich einige Tage brauchen.